Ergebnisse der "Kreativen Schreibwerkstatt" zum Ausnahmezustand: Eine gute Pasta

 

Eine gute Pasta

Gerade als Holly nach der letzten Packung Bandnudeln greifen wollte, wurden sie ihr im wahrsten Sinne des Wortes vor der Nase weggeschnappt. Genervt drehte sie sich um, um den dreisten Nudeldieb ausmachen zu können. Holly erkannte eine ältere Dame, die sich gerade die Nudeln in den Wagen legte und direkt weitergehen wollte. Natürlich wollte Holly sich das nicht gefallen lassen, doch die ältere Dame schien es gar nicht zu stören, dass die Packung, die eigentlich für Hollys Abendessen sorgen sollte, schon die Sechste war, die jetzt in ihrem Einkaufswagen lag. Außerdem erkannte Holly einen Toilettenpapiervorrat, der wahrscheinlich für vier, nein, fünf Jahre reichen würde.

Angestrengt überlegte Holly also, was sie denn anderes essen könnte. Das Nudelregal war leer und einen Moment dachte Holly nach, ob sie die ältere Dame nicht doch nach einer Packung Nudeln fragen sollte. Sie entschied sich aber dagegen, fragte sich jedoch wofür man nur so viele Nudeln gebrauchen könnte. Und auch das Toilettenpapier war ja nicht gerade wenig. Aber vielleicht stand da eine Feier an? Und als eine Art Partyspiel wollte sie sich mit ihren Freunden in Toilettenpapier einwickeln und Mumien spielen?

Holly ging weiter durch den Laden, um irgendwas Essbares zu finden. Aber sie fand nichts. Es war alles ausverkauft. Waren es Nudeln, Milch, Mehl oder eben Konserven gewesen. Alles war weg. Sie hätte sich einfach eine Gemüsepfanne kochen können, da die Hamsterkäufer sich mit dem leicht verderblichen Obst und Gemüse anscheinend nicht anfreunden konnten. Aber nach ihrem langen Arbeitstag hatte Holly nicht wirklich Lust, noch stundenlang alles zu scheiden und zu kochen. Also schnappte sie sich genervt eine Packung Asia-Fertig-Ramennudeln und trottete zur Kasse. Sie blieb eineinhalb Meter hinter genau der alten Dame stehen, die nun gemütlich die Packung Nudeln auf das Band legte, die Holly eigentlich vorhin kaufen wollte.

Holly beobachtete die Frau dabei, wie sie alles Andere auch noch auf das Band legte, als sich plötzlich ein junger Mann vordrängelte und seine vier Packungen Mehl auf dem Band vor Holly platzierte. Holly schaute entsetzt zu ihm. Was fiel diesem Schnösel eigentlich ein? Da hält man schon den vorgegebenen Abstand von eineinhalb Metern und dann drängelt sich ein weiterer Hamsterkäufer vor. Manche wollen es echt nicht verstehen...

Wirklich Lust auf Protest hatte Holly nicht, da ihre Nerven das nicht mehr mitmachen würden. Also wartete sie geduldig, bis die Kassiererin den Fünfjahresvorrat der Dame und das Mehl des Mannes abkassiert hatte. Dieser Mann musste wohl Bäcker sein, anders konnte Holly sich das nicht erklären.

„Na super“, wurde Holly von der Stimme der Verkäuferin aus ihren Gedanken gerissen, „erst setzen die Chinesen das Virus in die Welt und dann werden die auch noch von Menschen wie Ihnen unterstützt.“ Kopfschüttelnd zog die Kassiererin mit ihren in Gummihandschuhen steckenden Händen die Instantnudeln über das Band. Holly blickte verwirrt auf die Nudeln. Meinte die das ernst? Nur weil sie sich Asia-Nudeln gekauft hatte? Was konnte sie denn dafür, wenn manche eine Nudelparty veranstalteten? Sie bezahlte stumm ihre Ramennudeln, verzichtete auf das Rückgeld und schlurfte aus der Tür heraus. Sie drehte sich noch einmal um und sah wie die Kassiererin panisch das Geld und das Kassenband desinfizierte. „Verrückt die Leute im Moment“, murmelte Holly und sah etwas enttäuscht auf ihre Ausbeute. Darauf hatte sie jetzt nicht mehr wirklich Appetit. Der war ihr entfallen.

Eine leckere Pasta wäre nicht schlecht. Ihr Magen machte sich bemerkbar und sie entschloss kurzfristig zu ihrem Lieblingsitaliener zu gehen.

Auf ihrem Weg sah sie nicht viele Leute. Die meisten verschanzten sich wahrscheinlich gerade in ihren Wohnungen. Wenn man es sich recht überlegte sollte sie vielleicht auch zuhause bleiben Dann würde ihr Gehirn wenigstens nicht verfaulen, so wie das aller anderen.

Bei ihrem Lieblingsitaliener angekommen, öffnete Holly die Tür und seufzte erleichtert. In dem Restaurant saß an einem runden Tisch eine kleine Runde Gäste, die sich anscheinend noch nicht von dem Corona-Quatsch hatte einlullen lassen. „Endlich eine einigermaßen normale Zivilisation", murmelte Holly in sich hinein und schritt durch die Tür

„Buona sera!“, rief Holly Francesco, dem Kellner, den sie gut kannte, zu und winkte fröhlich.

Die Gäste die gerade noch vergnügt plauderten, verstummten plötzlich und drehten sich zu ihnen. Holly blickte verwirrt rein, als diese nun auch aufstanden, das Essen kurzerhand liegen ließen und das Lokal verließen.

„Was ist denn jetzt los?“, kam es verwundert und wie von selbst aus ihrem Mund. Francesco rieb sich über die Augen und erklärte es Holly in seinem typisch italienischen Akzent: „Wir mussten den Gästen weismachen, dass wir Griechen sind, damit sie hier etwas essen.“ Holly wurde so einiges klar. Sie hatte ihn auf italienisch begrüßt und da Italien stark von Corona betroffen ist, war den Gästen der Appetit auf Francescos Essen vergangen. Jetzt plagten sie Schuldgefühle.

Francesco bemerkte dies, fing an zu lächeln und fragte: „Was kann ich für Sie tun, Miss?“ Holly schaute auf und wollte gerade eine Pasta bestellen, da sprach ihr Francesco dazwischen: „ Wir haben keine Pasta mehr, Miss. Alles ausverkauft.“ Er stützte dabei seinen Kopf in die Hand und Holly stöhnte auf. Das konnte doch nicht wahr sein. Selbst hier bekam man keine Pasta mehr. „Macht ihre eure Pasta nicht immer selbst? Also auch die Nudeln?“, wollte Holly jetzt wissen, doch da fiel ihr wieder ein, dass auch Mehl gehamstert wurde. „Tut mir leid, Miss. Aber wir haben noch eine Dose Ravioli im Lager“, überlegte Francesco und ohne ihre Antwort abzuwarten, spurtete er nach hinten. Naja, Pasta würde sie zwar nicht bekommen, aber eine Dose Ravioli war allemal besser als die Instantnudeln, die sie nun in ihren kleinen Rucksack verschwinden ließ. Sie setzte sich nun auf den hohen Barhocker an der Theke und beobachtete Francesco dabei, wie er die Ravioli professionell in der Pfanne wendete.

Noch nie hatte ihr eine normale Dose Ravioli so gut geschmeckt wie in diesem Moment.

„Soll ich mit Klopapier bezahlen?“, lachte Holly als Francesco ihren Teller wegräumte. Er sah sie belustigt an und fügte hinzu: „Aber mit Mehl als Trinkgeld, wenn ich bitten darf, Miss.“

Es war einfach nur urkomisch, wie alle Leute durchdrehen. In gewissem Maße wurde man selbst ja dazu gezwungen, zu hamstern, da man bei dieser Gesellschaft nicht Angst haben musste, am Corona Virus zu sterben, sondern eher zu verhungern...

 

Alexa S.

Fr, 27. März 2020